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In der Klosterkirche Birkenwerder

Liebe Besucherinnen und Besucher unserer Internetseiten,

seit dem 16. März ist unser Exerzitienhaus geschlossen. Den allgemeinen Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus' entsprechend, haben wir vorerst alle Seminare u. Exerzitienkurse abgesagt. Auch Gottesdienste in unserer Klosterkirche sind vorerst nicht möglich. Umso mehr sind jetzt die göttlichen DREI, die an der Altarwand dargestellt sind, das "Haus", in dem wir alle wohnen - und der "Raum", in dem wir uns treffen können ...

Gern möchten wir mit Ihnen, in nah und fern, in dieser schweren und verantwortungsvollen Zeit auch über das Internet in Kontakt bleiben. Wir haben uns dafür diese Seite ausgedacht. Täglich werden wir hier einen geistlichen Impuls für Sie einstellen, in der Regel einen kurzen Text aus meinen Büchern. Zunächst finden Sie hier jeweils einen der 33 Artikel aus "Glauben, lieben, christlich leben - ein kleiner Katechismus" (erhältlich ist dieses Büchlein über den Internetshop des Benno-Verlags Leipzig).

Darüber hinaus finden Sie auf der Seite unserer Pfarrgemeinde einen liturgischen Impuls zu den Sonn- und Feiertagen.

Seien Sie gesegnet!

Ihr

Pater Reinhard,
die Mitbrüder im Konvent
und die Mitarbeiterinnen in der Leitung des Exerzitienhauses

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- und wenn Sie in diesen Tagen vor Ostern den Kreuzweg aus der Klosterkirche Birkenwerder mitbeten möchten: hier als pdf (zusammengestellt von einer Familiarin unseres Ordens)

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Montag, 30. März

8.

Der "Glaube" (groß geschrieben) ist das, was ein Christ glaubt; oder woran er, entsprechend seiner Konfessionszugehörigkeit, zu glauben angehalten ist: die Glaubenslehre der Kirche. Der Glaube ist das, was sich in Glaubenssätzen formulieren lässt, was in der Theologie wissenschaftlich durchdacht und reflektiert wird, was durch Glaubensschriften - Katechismen zum Beispiel -, Predigten oder Bildungsveranstaltungen vermittelt wird und was durch Lesen, Hören und Studieren erlernt werden kann.

Doch glauben, als Tätigkeitswort, ist mehr als "den Glauben" kennen und Glaubenswissen haben; "glauben" bedeutet nicht, an die Glaubenslehre glauben, sondern an den, von dem die Glaubenslehre spricht: an Gott, die verborgene Wirklichkeit hinter den Glaubenssätzen.

So betrachtet, glaubt ein Christ auch nicht an die Bibel, sondern an den, von dem die Bibel spricht und der durch die Bibel - durch die Worte von Menschen - sein "Wort" an uns Menschen richtet. Ein Christ glaubt nicht über den ersten, jüdischen Teil der Bibel hinaus auch noch an den zweiten Teil, das Neue Testament, sondern an den, von dem alle neutestamentlichen Schriften handeln: an Jesus von Nazareth; und er glaubt ihm sein Evangelium - seine "erlösende, frohmachende Botschaft" -, seine Sicht von Gott, vom Menschen, vom Leben ...

In der Realität ist das freilich nicht immer jedem Glaubenden bewusst. Der jüdische Theologe Martin Buber (1878-1965) unterschied deshalb zwischen einem "Satz-Glauben" und einem "Beziehungs-Glauben": Man begnüge sich, sagt er kritisch an Juden wie an Christen gerichtet, mit einem "Daß-Glauben" (ich glaube, dass ...), mit dem Bejahen "satzhaft" umschriebener Glaubenswahrheiten. Das aber heiße, lediglich "einen Sachverhalt als wahr anzuerkennen", also im Sach-Bereich des Glaubens stehen zu bleiben. Es gehe jedoch darum, im "Vertrauen ... zu dem 'geglaubten' Gott" zu leben, im Beziehungs-Glauben also; denn, so Martin Buber: "Man kann 'glauben, daß Gott ist', und in seinem Rücken leben; wer ihm vertraut, lebt in seinem Angesicht."

Die Unterscheidung zwischen "Glaube" und "glauben" ist auch deshalb wichtig, weil es ebenfalls zur Realität gehört, dass manch einer zwar mit dem Glauben, konkret auch mit der Glaubenslehre der Kirche, Probleme hat, durchaus aber glaubt. Der Glaube, zumal wie er ihm vermittelt wurde, ist ihm vielleicht in manchen oder vielen Teilen unverständlich, erscheint ihm widersprüchlich und lebensfern oder ist ihm in seinen Details einfach viel zu kompliziert. Aber er lebt - mit oder ohne Mitgliedschaft in der Kirche - sein Leben "im Angesicht" Gottes und "von Angesicht zu Angesicht" mit seinen Mitmenschen, ganz im Geist des Evangeliums, auch ohne bibelfest zu sein. Jesus jedenfalls hat ganz gewiss seine Freude an ihm.   

 

Sonntag, 29. März

7.

Das Wort "glauben" (klein geschrieben) meint im allgemeinen Sprachgebrauch, etwas für möglich oder wahrscheinlich halten, im Unterschied zum sicheren Wissen. Der christliche Wortsinn aber ist - eigentlich - ein anderer. Man kann ihn mit den Tätigkeitswörtern "vernehmen", "vertrauen" und "sich hinwenden" näher beschreiben. 
 
Wer von der Wirklichkeit berührt wurde, die hinter der Vokabel "Gott" verborgen ist, der hat etwas vernommen: das "Heilige" in allen Dingen, das "Mehr" hinter allem Dasein, das er mit seiner Wahrnehmungskraft, der ver-nehmenden Ver-nunft und den inneren Sinnen, erahnt und erspürt hat. An Gott glauben heißt für ihn fortan: offen bleiben für diese Wirklichkeit hinter aller Wirklichkeit; die Vernunft und die inneren Sinne gebrauchen über das Wahrnehmen der kosmischen Daseinswelt hinaus, offen sein für die Wirklichkeit, der sich unsere Daseinswelt mit all ihren Realitäten verdankt; dafür offen sein auch mit dem fragenden und reflektierenden Verstand, um das so Vernommene immer mehr und immer tiefer verstehen zu können - "glauben" ist offen sein für die Wirklichkeit als ganze, mit Herz und Verstand.

Mit dem Vernehmen geht vertrauen einher. An Gott glauben heißt: Ich nehme für wahr, was ich da wahrgenommen habe; ich vertraue der vernommenen Wirklichkeit hinter dem Namen "Gott"; ich baue darauf, dass dieser Gott, der alles im Dasein hält, auch mich will und trägt und hält - ich traue ihm. Und ich vertraue mich ihm an.

Das aber "denke" ich nicht nur, ich sage es ihm. Ich wende mich hin zu Gott, ich sage zu der verborgenen Wirklichkeit hin: "Du, Gott, ich vertraue dir, ich vertraue mich dir an." In ihrer lateinischen Muttersprache sagten die Christen früherer Zeit: "Credo in Deum." In ihrem Sprachempfinden bedeutete das: "Ich gebe (do) das Herz (cre = cor) hin zu Gott (in Deum)."

An Gott glauben bedeutet also nicht: Ich halte es für möglich, dass es Gott gibt; und auch nicht: Ich weiß zwar nicht, ob es ihn gibt, aber ich halte an der Lehre fest, dass es Gott gibt. Wer an Gott glaubt, lässt sich nicht auf eine Lehre, sondern auf eine Wirklichkeit ein. Er nimmt diese Wirklichkeit ernst, vertraut sich ihr an und will mit ihr leben. An Gott glauben ist ein Erkenntnis-, Vertrauens- und Beziehungsakt. Der höchste, zu dem der Mensch fähig ist.

Und christlich an Gott glauben heißt: In dieser Art zu glauben folge ich Jesus. Ich versuche, wie er mit Gott, mit den Mitmenschen und mit der Welt umzugehen. Das ist ein Weg, mit Auf und Ab, mit Höhen und Tiefen. Und es ist vor allem ein Lern-Weg: Christ sein heißt lernen wollen, geistig aufgeschlossen und beweglich bleiben, ein Leben lang "Jünger" sein - was "Schüler", "Lehrling" oder auf Neudeutsch "Azubi" bedeutet -, in Gemeinschaft mit anderen, die lernen wollen, und in innerer Lebensgemeinschaft mit Jesus, dem Lehrer und Meister.

 

Samstag, 28. März

6.

Der Kern des christlichen Glaubens kann mit wenigen Worten ausgedrückt werden. Doch es müssen Worte sein, die verständlich sind, möglichst für jeden in der Gesellschaft. "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt", schreibt ein frühkirchlicher Autor an seine Christengemeinde, und er fügt hinzu: "aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig" (1 Petr 3,15f). Das ist eine gewaltige Herausforderung, für den Gemeindepfarrer, für die Religionslehrerin in der Schule wie für die Eltern heranwachsender Kinder. Antworten mit nur auswendig gelernten Katechismus-Sätzen genügen da nicht, auch nicht Antworten mit den gebräuchlichen "Kirchisch"-Vokabeln, die heute selbst Gläubige, die regelmäßig an Gottesdiensten teilnehmen, kaum noch verstehen.

Einfach und verständlich aber wird nur sprechen können, wer selbst versteht, was er glaubt, und es auf den Punkt bringen wird nur können, wer sich selbst der Mitte und des Kerns seines Glaubens bewusst ist. Dazu bedarf es des eigenen ehrlichen Umgangs mit den Glaubensinhalten. Das freilich kostet Mühe.

Weitaus leichter ist es da, entsprechende Fragen mit religiösen Gemeinplätzen zu beantworten, nur über Äußerliches zu reden oder bei "niederschwelligen Angeboten" stehen zu bleiben, die dann und wann etwas mehr die Kirchenbänke füllen. Und geradezu fatal wird es, wenn mit christlichen Vokabeln Vorstellungen und Erwartungen bedient werden, die bei Lichte besehen ganz und gar nicht christlich sind; dazu gehört auch eine "Glaubensverkündigung", die aus Gott einen himmlischen Nothelfer macht, der auf bestimmte religiöse Leistungen hin alle Wünsche für ein möglichst angenehmes Leben erfüllt. All das hieße letztlich, Gottes Menschen um Gott betrügen.

"Rede und Antwort stehen" - bin ich dazu in der Lage? Vor diese Frage ist, heute mehr denn je, jeder Christ und jede Christin gestellt. Rede und Antwort über die Hoffnung, die mich erfüllt, ganz persönlich mich; authentisch und ehrlich: ohne mich zu verstecken hinter den theologischen Richtigkeiten der kirchlichen Lehre; bescheiden: einfach und klar, mit meinen eigenen Worten, ohne mich abzusichern mit den traditionellen Formeln der Kirchensprache; jedem: so, dass auch der mich verstehen kann (wenn er möchte), dem die kirchliche Binnensprache fremd ist; zu jeder Zeit: aus dem Stand heraus, ohne erst in Büchern nachzuschlagen; und ehrfürchtig: in Ehrfurcht und Toleranz gegenüber Menschen, die anders denken und anders glauben, in Ehrfurcht aber auch vor der Wirklichkeit, die die Worte des Glaubens, die alten und die neuen, meinen, wenn sie von Gott, vom Menschen, vom Geheimnis des Daseins sprechen ... Bin ich, bin ich dazu in der Lage?


 
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