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Christliche Spiritualität
aus den Quellen des Karmel

P. Reinhard Körner OCD

 

Die karmelitanische Art, nach dem Evangelium zu leben, hat eine mehr als 800-jährige Geschichte. Die Wurzeln reichen bis ins frühe 13. Jahrhundert zurück. Damals entstand im Karmelgebirge, im Heiligen Land, der Stammorden aller heutigen karmelitanischen Gemeinschaften und mit ihm eine Spiritualität, die sich nach und nach vertiefen und entfalten sollte.

Ihren Ursprung verdankt diese Spiritualität ein paar Kreuzfahrern und Palästinapilgern, die sich um das Jahr 1200 im Karmelgebirge niederließen und zu einer Eremitenkommunität zusammenschlossen - jungen Männern, die es mitten in der lauten, waffenklirrenden Kirche ihrer Zeit in die Stille zog. Sie tauschten Pilgerkleid und Kreuzfahrerrüstung gegen die "Waffenrüstung Gottes" (Eph 6,11) ein und wollten fortan das Evangelium zur Richtschnur ihres Lebens machen.

In Elija, der nach biblischer Überlieferung zweitausend Jahre vor ihnen an denselben Ort gekommen war, fanden sie zudem ein Leitbild vor, an dem sich ihre neue Lebensform orientieren konnte. "Der Herr der Heerscharen lebt, Israels Gott, und ich stehe vor seinem Angesicht" (1 Kön 17,1), hatte Elija gesagt. Wie er wollten auch sie "vor dem Angesicht Gottes stehen", mit Gott als einer lebendigen Wirklichkeit, als einem personalen Gegenüber leben. Als sie sich von ihrem Bischof in Jerusalem eine Ordensregel erbaten, ging es ihnen nicht zuerst um die Festschreibung besonderer Zeiten für das "geistliche Leben". Sie wünschten sich vor allem eine Beschreibung ihrer Spiritualität, aus der sie den gesamten Lebensalltag geistlich leben wollten: Ob während der "geistlichen Übungen" oder während der täglichen Arbeiten - es gilt, so wussten sie, sich die Gegenwart Gottes zu vergegenwärtigen und mit dem auferstandenen, lebendigen Christus durch den Tag zu gehen, aktiv zu sein in der Kontemplation und kontemplativ in den Aktionen.  

Eine Marienkirche aus dem 5. Jahrhundert, deren Grundmauern die Eremiten auf dem Karmel vorfanden, war der äußere Anlass, sich ausdrücklich auch an Maria zu orientieren. An ihr konnten sie ablesen, wie man sich ganz der Wirklichkeit Gottes öffnen und in immerwährender Verbundenheit mit ihm leben kann. Sie sahen in Maria ihre "Patrona", die Erste in ihren Reihen; sie nannten sie "Schwester", sich selbst schon bald "Brüder unserer Lieben Frau vom Berge Karmel". Wie Maria und mit Maria in Gott das DU finden - das ist bis heute der Grundzug karmelitanischer Spiritualtät.

Als im Laufe des 13. Jahrhunderts die politischen Umstände den neuen Orden zwangen, Palästina zu verlassen, fanden die Karmeliten, wie man die Mönche nun nach ihrem Ursprungsort nannte, schnell Verbreitung in den westlichen Ländern der christlichen Welt. Ähnlich wie die Franziskaner und die Dominikaner, wurden sie auch als Seelsorger tätig. "Beten und Beten lehren" wurde das Leitmotiv ihres Lebens und Wirkens. Im Umfeld ihrer Klöster gab es bald Gläubige, die sich von ihrem Geist inspirieren ließen; hier liegen die Wurzeln der Laiengemeinschaft, die heute zum Orden des Teresianischen Karmel gehört. Im 15. Jahrhundert begannen die ersten Frauengemeinschaften nach der Karmelregel zu leben. Karmelitinnenklöster entstanden.   

Im 16. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Reformation, gründete in Spanien die Karmelitin Teresa von Ávila, unterstützt durch den Karmelitenpater Johannes vom Kreuz, einen neuen Ordenszweig, den "Unbeschuhten Karmel". Beide Ordensgemeinschaften, der Stammorden der KARMELITEN und der Reformorden der TERESIANISCHEN KARMELITEN - so ihre heutigen Namen -, sind seither durch diese beiden spanischen Mystiker und Kirchenlehrer spirituell geprägt.

       

Teresa von Ávila (1515-1582) beobachtete an Jesus, dessen Leben sie immer wieder meditierte, wie er sich Gott zuwendet, ehrfürchtig tiefen, vertrauten Umgang mit ihm pflegt und zugleich ganz dem jeweils Nächsten zugewandt ist. Auch mir ist dieser Jesus von damals, der als der auferstandene Christus von heute lebt, ein Freund - das war die große Entdeckung Teresas nach fast zwanzig Klosterjahren. Mit bestechender Ehrlichkeit hat sie in ihren Schriften den Weg beschrieben, den sie von beengenden und angstmachenden Gottesvorstellungen hin zur "Freundschaft mit Gott" gegangen ist. In dieser Freundschaft wollte sie fortan leben. Sie bekam eine neue, tiefere Sicht vom Glauben, vom Beten, von der Eucharistie und den Sakramenten, von der Kirche ... Auch für Teresa ist das Leben mit Gott nicht auf Gebetszeiten beschränkt. Sie sagt ihren Schwestern: "Christus ist auch in der Küche, mitten zwischen den Kochtöpfen." Es gibt für sie keine Trennung von kontemplativem und aktivem Leben. Kontemplation ist nicht zeitlich begrenzbar, sondern eine Lebensart, eine neue Art und Weise zu denken, zu fühlen, zu handeln und zu sein. Im Leben Jesu findet Teresa ihre Schule der Freundschaft mit Gott und den Menschen.

 
Johannes vom Kreuz
(1542-1591) hat der Spiritualität des Karmel das notwendige theologische Fundament gegeben. Er sieht das menschliche Leben als einen Entwicklungsprozess, als eine "Angleichung an Christus" und als "Umformung in Gott hinein", als ein Reifen auf die Vollendung in der Ewigkeit hin. Geistlich leben heißt für ihn, sich auf diesen Reifungsprozess einzulassen: Vorstellungen von Gott, vom Glauben und vom religiösen Leben zu korrigieren, wenn sie sich als zu oberflächlich oder gar als falsch erweisen, stets neu dazu zu lernen und umzulernen, offen zu bleiben für das, was dem Geist Gottes entspricht. - Von besonderer Bedeutung ist seine Lehre von der "dunklen Nacht" geworden. Auch und gerade die Nichterfahrung Gottes ist für ihn Gotteserfahrung, ist intensive "Läuterung", die aus religiösen Fixierungen befreit und zur Liebe fähig macht.


Therese von Lisieux
(1873-1897) hat die Spiritualität des Karmel durch ihren "kleinen Weg" bereichert. Sie erkennt: Gott erwartet weder Perfektion noch heroische Taten. Er will nichts anderes, als dass ich ihm die Liebe glaube, die er zu mir hat, und dass ich aus dieser Liebe lebe. In einer echten Freundschaft zählt nicht die Leistung, sondern "allein die Liebe"

 

Elisabeth von Dijon (1880-1906), die im  Kloster den Ordensnamen "Elisabeth von der Dreifaltigkeit" trug, hat in ihren Tagebüchern und in einer umfangreichen Korrespondenz sehr ausdrücklich davon gesprochen, dass Gott "Gemeinschaft" ist und geistliches Leben zur Teilnahme am "Fest der Drei" werden kann. Das göttliche DU, zu dem sie aufblickte, offenbarte sich ihr als die Dreieinigkeit Gottes, so dass sie beten konnte: "Ihr, meine Drei".

 

Unserer Zeit wurde Edith Stein (1891-1942) geschenkt, die als Jüdin und Philosophin auf dem langen Weg ihrer Wahrheitssuche zum Zentrum des christlichen Glaubens fand. Bereits vor ihrem Eintritt in den Kölner Karmel bekennt sie: "Es ist im Grunde nur eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: wie man es anfangen kann, an der Hand des Herrn zu leben."

 

Noch viele andere wären zu nennen, die durch ihr Lebensbeispiel und ihre Lehre den karmelitanischen Weg der Christusnachfolge mitgeprägt und anziehend gemacht haben.

Die konkreten Formen, in denen sich diese Spiritualität verwirklichen kann, sind sehr vielfältig. Das wird nicht zuletzt darin sichtbar, dass der Orden des Teresianischen Karmel nicht nur aus den Schwestern und den Brüdern in den Klöstern besteht, sondern zu ihm eine Laiengemeinschaft, die TERESIANISCHE KARMEL-GEMEINSCHAFT (TKG) gehört, in der Frauen und Männer (in Deutschland ?Familiaren? genannt) - verheiratete und ehelos lebende - an ihrem Platz in Familie, Gesellschaft und Kirche im Geist des Karmel leben möchten. Auch etwa 70 andere Gemeinschaften - Orden und Säkularinstitute - haben die Spiritualität des Karmel zur Grundlage ihres Lebens gemacht. Und ungezählten Christinnen und Christen helfen die Schriften der geistlichen Lehrmeister des Karmel bis heute, ihren Glauben tiefer zu verstehen und ihr Leben von der "Mitte" her zu gestalten.

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weiterführende Artikel zur karmelitanischen Spiritualität:

"Inneres Beten"

 
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